Aus dem Dunkel ins Licht
Liebe
Leserin, lieber Leser,
was
können uns die armseligen Hirten lehren? In seiner Weihnachtsgeschichte lesen
wir: Es waren Hirten in derselben Gegend
auf dem Felde, … die hüteten des Nachts ihre Herden.
Mit
den Hirten kann ich mich leicht identifizieren – leichter als mit Josef,
Maria oder den gelehrten Sterndeutern. Sie sind so etwas wie meine Vorläufer.
Mit ihnen gehe ich den Weg aus dem Dunkel ins Licht. Mit ihnen erwache ich,
werde ich neu aufmerksam für Gottes Nähe. Mit ihnen hoffe ich, suche ich den
Weg hin zur Begegnung mit Gott. Ich schlüpfe mit ihnen aus der Nacht in die
Gegenwart Gottes. Die Hirten sind es, die mir sagen: Nicht deine Weisheit,
deine Sternkundigkeit, deine Vorbildlichkeit hat dir einen Platz bei Gott
verschafft, sondern allein er selbst, der Menschen auf freiem Felde zum Leben
ruft. Gott selbst kommt zur Welt als zerbrechliches Kind.
Dietrich
Bonhoeffer schrieb: „Wie zur Beschämung der gewaltigsten menschlichen
Anstrengungen und Leistungen wird hier ein Kind in den Mittelpunkt der
Weltgeschichte gestellt.“
Beate
Heinen malte 1985 ihr Bild „Verkündigung an die Hirten“. Durchscheinend, transparent
in einer einzigen gewaltigen Bewegung erscheint die Engelswolke über der furchtsamen
Hirtenschar, die auf offenem Felde aneinanderkauert wie ihre Schafe und doch
wachsam dem Kommenden entgegenschaut. Wie der Engel voller Bewegung ist, sind
die Hirten ganz Hören.
Das
Berufsbild der Hirten in biblischer Zeit war ambivalent. Einerseits galten
Hirten als Inbegriff der Fürsorge. Hirten lebten Tag und Nacht mit ihren
Tieren. Andererseits machte ihre Unbehaustheit den Sesshaften Angst. Die
Hirten Bethlehems trieben während der Regenzeit im Winter ihre Schafe und Ziegen
hinaus in die Wüste Juda. Wenn dort das Gras im Sommer verdorrte, kamen sie
wieder zurück in die Gegend um Bethlehem. Wen wundert, dass man sie aufgrund
ihrer einfachen und unsteten Lebensweise verachtete? Für die Städter waren die
Hirten nicht selten Herumtreiber und Betrüger, solche, die aus dem Dunkeln
kommen und darin verschwinden. Gerade ihnen gilt das Prophetenwort: Die im Lande des Dunkels wohnen, über ihnen
strahlt ein Licht auf (Jesaja 9).
Ihnen gelten
die Worte aus der Engelswolke: Euch ist
heute der Heiland geboren! (Lukas
2,11). Sie gelten dann uns allen, auch denen, die nicht so recht wissen, warum
ihre Füße sie gerade an Weihnachten in die Kirche tragen. Die Worte an die
Hirten gelten auch denen, die Gott für sich nicht schon gefunden haben, sondern
ihn noch suchen. Euch ist heute der Heiland geboren! Seht, welche Würde euer
Leben bei ihm erhält. Seht, wie es neu wird, wenn ihr nur hört und seht und
offen werdet für Gottes Herabbeugen zu uns Menschen in einem Kind.
Die
Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr (Lukas 2,9). Die Hirten merken, dass Gott zu ihnen
spricht – mitten hinein in ihre Angst. Sie hören. Sie verschließen sich dem
nicht, was ihr Leben ändern kann. Sie sind offen und achtsam. Martin Luther
dichtete: Euch ist ein Kindlein heut geborn / von einer Jungfrau
auserkorn / ein Kindelein so zart und fein, / das soll eu’r Freud und
Wonne sein (EG 24,2).
Die Hirten können uns lehren, aufmerksam
zu sein für Gottes Nähe. Sag nicht
immer: Ja, dann wenn ich Zeit habe. Ja, dann wenn die Kinder aus dem Haus sind.
Ja, dann wenn der Ruhestand beginnt. Jetzt nehme ich mein Leben in die Hand.
Jetzt spüre ich Angst und zugleich tiefe Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Jetzt höre ich Gott mir den Weg weisen durch seine Boten. Jetzt will ich offen
sein für Gott in meinem Gebet. Nichts hält die Dunklen, die Suchenden, die
Offenen auf. Lukas berichtet: Sie überwanden ihre Furcht. Sie kamen eilend und fanden das Kind (Lukas 2,16). Mut zu
Hirtenwegen wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Christoph Bäuerle