
„Fluchen und Lästern kennt
man nicht“, schrieb ein italienischer Protestant begeistert aus Genf nach
Hause, „die Mildtätigkeit ist so groß, dass die Armen nicht zu betteln brauchen.
Streitigkeiten vor Gericht
sind aus der Stadt verbannt.“ Die Kehrseite der Medaille: Abgesandte des
Konsistoriums besuchten einmal pro Jahr jeden Genfer Haushalt und notierten
unbarmherzig jede Abweichung von Calvins Anordnungen.
Frauen, die ihr Haar
modisch frisierten, und Familienväter, die ihren Kindern Vornamen aus dem
katholischen Heiligenkalender gaben, wanderten ins Gefängnis. Auf Ehebruch
stand die Todesstrafe, in einem einzigen Jahr schleppte man vierzehn vermeintliche
Hexen zum Scheiterhaufen.
Es ist ein merkwürdiges Phänomen:
Der studierte Jurist und spätere Pastor Johannes Calvin faszinierte mit seiner
düsteren Predigt von der abgrundtiefen menschlichen Sündhaftigkeit und von einem
zornigen, kalt und unbarmherzigen, die einen für das Paradies, die anderen für
das ewige Feuer, vorherbestimmenden Gott die Massen. Und seine reformierte
Kirche brachte einige der stärksten Charaktere der Christenheit hervor. Gerade
die fanatische Rede von der Auserwählung weniger habe die damals vielerorts blutig
verfolgten Protestanten getröstet und mit Glaubenskraft erfüllt, so erklären
Kirchenhistoriker heute seinen Erfolg.
Als Jean Cauvin am 10. Juli 1509 im nordfranzösischen Noyon geboren, studierte Calvin in Paris und Orleans
zunächst Rechtswissenschaften, erwärmte sich dann für die Lehre Luthers und
wurde auf der Flucht in Genf halb gegen seinen Willen zum Prediger der
Reformation. Hier errichtete er ein drakonisches, ganz vom Evangelium und
seinen eigenen moralischen Ansichten bestimmtes Stadtregiment, sorgte aber auch
für ein hervorragendes Bildungsniveau. Calvin erinnerte den Staat immer wieder
daran, dass er nur vorletzte Instanz für das menschliche Leben ist und den
Menschen, das Ebenbild Gottes, in seiner Würde und seinen Rechten zu schützen
hat.
Heute gehören bis zu
hundert Millionen Christen einer reformierten Kirche an. Als Calvins Verdienst
gilt, dass er noch stärker als sein Briefpartner Luther – die beiden
Reformatoren schätzten einander, sind sich aber nie begegnet – den Menschen an
Christus als einzigen Herrn gebunden und die verändernde Kraft des Evangeliums
für Gesellschaft und Politik betont hat, was die Freiheits- und
Demokratiegeschichte der westlichen Welt entscheidend beeinflusste.
Calvins runder
Geburtstag wird weltweit mit wissenschaftlichen Symposien, Tagungen,
Ausstellungen (z.B. in Berlin) und Gottesdiensten gefeiert. Beim Festakt der
Evangelischen Kirche in Deutschland am 10. Juli spricht Bundesaußenminister
Frank-Walter Steinmeier – ein reformierter Christ.