Liebe
Leserin, lieber Leser,
ergreifend,
wie Menschen einander aufhelfen, wo soviel Tod sie trifft. Der Tod kam am 11.
März vor allem über junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten.
Polizeibeamte, Notfallseelsorger, Psychologinnen und Ärzte waren im Einsatz.
Und
Winnenden liegt nur wenige Kilometer weiter an der
Rems. Essingen liegt nicht weiter als Wendlingen entfernt, wo der 17jährige Tim
K. ein zweites Mal zuschlug und dann sich selbst tötete. Bei der ökumenischen
Gedenkfeier erinnerten Mitschüler an die Träume, die mit dem Leben der
Jugendlichen ausgelöscht worden waren.
Im
Konfirmandenalter träumten auch sie von einem Leben, bunt wie eine Farbpalette.
Ihr Bild vom Leben war bunt und groß. Es hatte erst angefangen.
Unermesslich,
was ihnen und ihren Familien genommen wurde. So muss sich jener Vater einer
Zwölfjährigen gefühlt haben, die im Sterben lag. Er war in seiner Not und
Sprachlosigkeit die Straßen hinunter an den See geeilt. Dort entstieg Jesus
gerade einem Boot. Er zögert nicht. Jesus sieht einen Vater, der außer sich ist
vor Angst um das Leben seines Kindes:
„Komm doch, lege deine Hände auf sie, damit sie gesund werde und lebe!“ (Mk
5,23)
Bevor
Jesus das Haus des Vaters erreicht, stirbt das Mädchen. Auch ein Mann voller
Glauben an den Gott des Lebens, wie jener Vater, der auch Synagogenvorsteher in
Kapernaum war, kommt hier an seine Grenzen. Eine Welt stürzte für ihn ein.
Was
ihn mit Jesus doch ins Haus, ans Bett der toten Tochter gehen ließ, war nur
noch ein allerletzter Rest von Glauben – vielleicht nur der Arm Jesu, der ihn
führte und begleitete, dorthin, wo alle Hoffnung im Tod erlischt, am Bett eines
Toten.
Solche
Begleitung einem Menschen anbieten, der soviel verloren hat, ist in Winnenden
und Woche für Woche auch in unserer Nähe Aufgabe von haupt- und ehrenamtlichen
Seelsorgern, von Ärzten, Sanitätern und Pflegekräften. Sie alle begleiten im
Sterben und darüber hinaus die Angehörigen zu ihrem Verstorbenen. Mitunter
überbringen Polizisten und Notfallseelsorger/innen gemeinsam die Nachricht vom
Tod eines Menschen als erste. Sie alle machen, wie damals die Familie des toten
Kindes, die Erfahrung: Wo unser Glaube an seine Grenzen kommt, helfen Worte nur
bedingt. Jesus spricht ganz wenig: „Hab keine Angst, vertrau dich mir an!“ (Mk
5,36). Begleitet von Jesus, drei seiner Jünger und seiner Frau kommt der Vater
ans Bett seiner verstorbenen Tochter.
Sigmunda
May schnitt diese Szene 1978 in Holz. „Ergreifend“, was sich da vor den Augen
der Menschen ereignet. Ergreifend, die Augen Jesu und die Hände, mit denen er,
was tot und starr ist, aufrichtet, ihm aufhilft ins Leben: „Talita
kum – Mädchen, steh auf!“
Es
ist Gottes Liebe, die so aufhilft. Sigmunda Mays
Holzschnitt atmet eine Liebe, die schon im Ursprung aller Erschaffung des
Lebens war, als Gott unser Leben erdachte und erschuf.
Die
Szene in der Jesus die Tochter des Synagogenvorstehers in Kapernaum vom Tode
erweckt, steht für die Auferstehung ins Leben überhaupt, für die Hoffnung auf
neue Zukunft, wo weder Leben noch Zukunft mehr greifbar sind. Es geht um
Ostern, um Auferstehung ins Leben!

Manchmal
mitten im Alltag ereignet sich solches Auferstehen. Da, wo Menschen sich
aufhelfen, wo der Tod sie trifft.
Als
in Winnenden am 21. März viele direkt Betroffene Abschied nahmen, läuteten wir
auch in unserer Essinger Kirche die Glocken. Eine kleine Gruppe von Menschen
war in Gedanken und Gebeten beieinander. Eine schrieb auf ihren Zettel an der
Gebetswand: „Gut, dass wir in unserem Glauben immer wieder Halt finden. Wie
gut, dass wir von diesem Trost und Halt auch weitergeben können!“
Ihr Pfarrer Christoph Bäuerle